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Der ultimative Liebes- und Lebensroman
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Wer kennt ihn nicht - den Werther? Schon direkt nach seiner Entstehung im Jahre 1774 ein riesiger Verkaufsschlager, ist dieser Geniestreich des jungen Johann Wolfgang Goethe eines der liebsten literarischen Kinder der Deutschen geblieben. Der Briefroman schildert - über weite Teile aus Sicht des Ich-Erzählers und Protagonisten, am Ende schließlich aus der Perspektive eines fiktiven "Herausgebers" dieser Briefe - das Schicksal des jungen bürgerlichen Werther, der sich, von Natur aus unstet, naturliebend, intellektuell geschult und hochsensibel, durch eine Zufallsbekanntschaft in die wohlhabende 17-jährige Lotte verliebt, welche für ihre 6 Geschwister die Rolle der vestorbenen Mutter übernommen hat und dabei bereits an den arbeitsamen Vernunftmenschen Albert verlobt ist. Zwar nähern sich die beiden zunächst freundschaftlich, aber unabstreitbar auch emotional sehr an, jedoch besteht das Band zwischen Lotte und Albert fort, was den jungen Werther mehr und mehr in tiefe seelische Zerwürfnisse und schließlich in den Freitod treibt. Ergänzt wird die Erzählung der Geschehnisse durch intensive, pointierte und durchaus kurz gehaltene Naturbeschreibungen und allgemeine Reflexionen der Hauptfigur bezüglich des menschlichen Zusammenlebens und anderer für ihn relevanter Aspekte des Lebens. Der Briefroman lebt also sowohl von seiner Handlung als auch von seinen über diese hinausgehenden vor allem alltagsphilosophisch anmutenden Exkursen, welche das Leben im Deutschland des mittleren bis ausgehenden 18. Jahrhunderts aus Sicht des frei denkenden Individuums reflektieren. Doch woher kommt die fortwährende Faszination für einen Briefroman, dessen tragischer Held sich Hals über Kopf in eine zum Scheitern verurteilte Liebe verrennt und sich schließlich selbst das Leben nimmt? Müssten nicht gerade wir Menschen des 21. Jahrhunderts, die sich, um Enttäuschungen zu vemeiden, vor dem ersten Date lieber zunächst im Internet auf Herz und Nieren, Aussehen und gemeinsame Interessen und Neigungen prüfen, uns stürmend von diesem irrationalen Querkopf, ja vor diesem "Irren" distanzieren, der uns in diesem Paraderoman des Sturm und Drang entgegentritt? Nun, natürlich ist das Gegenteil der Fall, und einen Anhaltspunkt für diese Suche nach dem "Warum?" bietet hier vielleicht ein Blick in das kurze Vorwort, welches Goethe einen sozusagen zwischengeschalteten fiktiven Herausgeber den Briefen Werthers vorausschicken lässt: "[...]Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen nähern finden kannst." Ja ja, dieses Büchlein ist nach wie vor ein Freund jedes fühlenden Menschen. Und auch wenn wir uns nicht in aussichtslosem Liebeswerben verrennen, ja selbst wenn wir in keinster Weise so arm dran sind wie der gute alte Werther, so erfüllt dieses Buch für den verständigen Leser dennoch eben diese Funktion. Es ist ein Manifest des Gefühls, ein Manifest des Idealismus, ein Manifest der Lebensliebe und die Geschichte eines Menschen, der an einem Zuviel all dessen scheitert, was diese Welt, diese Gesellschaft, in der wir leben, uns eben zu wenig zugestehen will. Werthers ausgeprägte Naturliebe, die Bestandteil vieler berühmtgewordener Briefe des Romans ist, sein tiefes Mitgefühl gegenüber seinen Mitmenschen, nicht zuletzt seine unerschütterliche Liebe zu Lotten, aber durchaus auch seine ohnmächtige Wut gegenüber dem Ständedünkel des 18. Jahrhunderts oder sein leidenschaftliches Anrennen gegen den kühlen Rationalismus Alberts, welches sich auch in seinem unsteten und nicht gerade gutbürgerlichen Lebenswandel wiederspiegelt, all das ist es doch, was das Leben lebenswert macht, und was uns dennoch verwehrt wird, sodass wir alle erstmal unseren tristen Arbeitsalltag mühevoll hinter uns bringen müssen, bevor wir ein wenig davon kosten können. In dieser Hinsicht ist Werther ein Held, da er all den Träumen, die wir "zivilsierten" Menschen haben und die auch die Menschen im 18. Jahrhundert offensichtlich schon hatten, mit einer Konsequenz und Nachdrücklichkeit nachhängt, dass es einfach eine Wonne ist. Das ist die Funktion dieses Romanhelden, oder besser: er ist diese Funktion. Denn dies ist ein häufiges Missverständnis, welches gerade junge und unerfahrene Leser oft abschreckt und davon abhält, Gefallen am Werther zu finden. Denn wenn ein solcher Leser kritisiert, dieser Werther sei doch ein gefühlsduseliger, nicht lebensfähiger und zudem noch fauler und wehleidiger Querkopf, dem einfach nicht zu helfen sei, dann hält dieser den Werther offenbar für eine Person, die einem Menschen in der realen Welt entspricht. Doch dies ist natürlich ein Irrglaube, Werther ist eine fiktive Figur, eine Instanz, die eine Funktion erfüllt, mit der dieser Roman, dieser Text seine Politik macht: eine Politik des Gefühls, gegen den kalten Rationalismus der Aufklärung (verkörpert durch Lottes Mann Albert), welcher zu seiner Entstehungszeit noch in Europa vorherrschte; eine Politik des Individualismus, gegen die vielen gesellschaftlichen Zwänge, die uns damals wie heute einengen; eine Politik der Natur, gegen die Eingriffe des sich zum Gott erhebenden Menschen (siehe Werthers unbändiger Zorn über das Abhacken der Bäume auf dem Kirchplatz); eine Politik des Lebens und der Menschlichkeit. Goethes Werther hat nicht nur Epoche gemacht und Literaturgeschichte geschrieben sowie zu großen Teilen den überfälligen Weg aus der rationalistischen Sackgasse der Aufklärung bereitet, sondern er ist auch für uns heutige Menschen, die wir mitten im Leben des 21. Jahrhunderts stehen und oberflächlich betrachtet so weit weg vom Leben dieses Romanhelden zu sein scheinen, ein Werk von enormer gesellschaftlicher Relevanz (siehe Individuum vs. Gesellschaft, Verlangen vs. Notwendigkeit, Natur vs. "Fortschritt") sowie immensem Potential zum Bereiten von Lesevergnügen, denn die Schönheit der Sprache Goethes bedarf an dieser Stelle sicherlich keiner großen Worte; hierzu ist bereits genug gesagt worden. Dementsprechend kann man nur jedem Menschen, der des Deutschen mächtig ist, wärmsten empfehlen, dieses Buch zu erstehen, sich an ihm zu erfreuen und es, wie der "Herausgeber" es schon 1774 empfiehlt, zu seinem Freund werden zu lassen. Auch mehrmaliges Lesen ist hier lohnenswert, fallen doch immer wieder neue geniale Formulierungen, scharfe Beobachtungen oder anregende Gedankengänge ins Auge. Der ultimative Liebesroman - since 1774!
Eine Rezension von Michael Schäfer "Kaká" > Dortmund, NRW
vom 22. September 2009 |